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Einmal soziales Netzwerk ohne Großkonzern, bitte: Welcome to Mastodon!

Teil 1 der Serie zu Mastodon, dem alternativen sozialen Netzwerk.

Wenn mir 2020 eines klar geworden ist neben all den vielen schrecklichen Dingen, dann ist es dies: Soziale Netzwerke erfüllen in unserer Gesellschaft eine wichtige Funktion. Nicht nur jetzt, sondern schon eine Weile. Mit ihrer Hilfe ist es vergleichsweise einfach, mit Menschen Kontakt zu halten, die uns wichtig sind, oder neue Menschen kennen zu lernen. Wir sind auf Facebook mit unseren Familien und Schulfreund*innen vernetzt, treffen auf Twitter Leute, die ähnliche Interessen haben wir wir. Wir posten, liken, taggen, teilen. Und längst haben wir uns dabei an die Präsenz von Unternehmen in diesen Räumen gewöhnt, und an die immerpräsente Werbung, die oft gut getarnt ist. Denn bei allem „sozialen“ in den Netzwerken ist es ein Fakt, dass wir soziale Plattformen nutzen, die von Konzernen aufgebaut wurden und gemanagt werden.

Das Hauptinteresse von Unternehmen im Kapitalismus ist, Gewinn zu maximieren. Wie wird Gewinn gemacht in sozialen Netzwerken? Durch Werbung, durch bezahlte Postings. Privatpersonen sind kostenlos unterwegs auf Facebook und auf Twitter, auf Instagram und Pinterest.

Die Ware bist du

Ist euch das schon mal aufgefallen? Wir zahlen für Speicherplatz an allen möglichen Orten, aber nicht in sozialen Netzwerken. Strange… Sollte das Speichern von Daten nicht Geld kosten, die Unternehmen kostet es doch auch was? Tja, nein. Denn die Ware, das sind wir. Wir und alle Daten, die wir hinterlassen. Unsere Likes sind bares Geld wert, denn wenn Facebook weiß, dass ich Star-Trek-Fan bin, kann es mir zum Beispiel Werbung für nutzlosen Merchandise wertvolle nostalgische Memorabilia schalten, und ein anderes Unternehmen bezahlt Facebook dafür.

Alles nicht so schlimm? Ich denke doch. Denn Konsum ist ein wichtiger Treiber des Klimawandels, und die gesundheitsgefährdende, umweltzerstörende Produktion von Massenware in Billiglohnländern ist ein Politikum für sich.

Werbung ist per se schon ma schlecht.

Skandale, Randale

Was auch irgendwie schlecht ist, sind die ganzen Skandale: Cambridge Analytica. Botarmeen auf Twitter. Desinformationskampagnen. Schleppende – wenn überhaupt – Moderation bei Harassment. Warum, fragt man sich, passiert sowas? Wieso wird so wenig getan gegen die ganzen kleinen und großen Unglaublichkeiten? Das hat vermutlich mehrere Gründe: Einerseits monetäre, denn Datenweitergabe oder Desinformationskampagnen können sozialen Netzwerken mindestens indirekt Geld einbringen, zum Beispiel durch gesponsorte Beiträge. Aber soziale Netzwerke dürften auch von einer „Aufregungskultur“ profitieren, in der verhärtete Fronten wild aufeinander einbrüllen. Denn was für soziale Netzwerke zählt, ist Engagement. Und mehr Rumgebrülle heißt mehr Aktivität auf der Plattform. Das bedeutet mehr Daten. Und mehr Anzeigen. Und mehr dort verbrachte Zeit.

Das dürfte einer der Hauptgründe sein, warum soziale Netzwerke, die von großen Unternehmen geführt werden, keinerlei Interesse an Moderation haben. Abgesehen davon, dass Moderation an sich Geld kostet – und dadurch den Gewinn noch mehr schmälert. Keine Chance, dass ein marktwirtschaftlich arbeitendes Unternehmen das von sich aus macht.

Aber es gibt noch weitere perfide Dynamiken, die dafür sorgen sollen, dass wir möglichst viel Zeit in den sozialen Netzwerken verbringen: Algorithmen. Zugegeben, „der Algorithmus ist Schuld“ ist ein überstrapaziertes Argument, das gern für alles merkwürdig-böse im Internet verantwortlich gemacht wird. So weit will ich nicht gehen. Die Algorithmen sozialer Netzwerke sind für uns User auf genau eine Sache optimiert: Uns so lange und so nachhaltig wie möglich in den sozialen Netzwerken zu halten. Uns gerade genug von dem zu geben, wonach wir uns sehnen, dass wir weiterscrollen. Und weiterscrollen. An der nächsten Anzeige vorbei. Und weiter. Vielleicht kommt doch noch ein Beitrag von einer Person, die uns wichtig ist? Oder etwas Schreckliches, das ich nicht verpassen darf. Denn der Algorithmus sorgt bei den großen sozialen Netzwerken dafür, dass Beiträge nicht chronologisch angezeigt werden, sondern „nach Interesse“.

Ja nee, is klar. Würden die Netzwerke das wirklich effizient tun, würden sie sich ins eigene Fleisch schneiden. Es geht immer um die Maximierung des Gewinns, also der vom User im Netzwerk verbrachten Zeit. Wie gesagt: Wir sind die Ware. Und je mehr Zeit wir in einem Netzwerk verbringen, desto mehr bringen wir dem Netzwerk ein.

A New Challenger Enters The Ring: Mastodon

Mastodon ist ein soziales Netzwerk, das keinem Unternehmen gehört. Der Code ist Open Source. Und das Netzwerk ist dezentral. Das heißt, es gibt nicht „das eine“ Mastodon, sondern hunderte Server, die miteinander vernetzt sind. Wer will, kann auch einen eigenen Server betreiben.

Mastodon erinnert dabei am ehesten an Twitter: Die Beitragslänge eines „Toots“ ist meist auf 500 Zeichen begrenzt, auch wenn einige Instanzen dabei ausscheren und längere Beiträge ermöglichen. Es lassen sich Toots, Bilder und Links teilen, Personen erwähnen, Ketten aus Beiträgen bilden, Toots anpinnen, Hashtags setzen.

Aber es geht noch mehr: Beiträgen können Content Warnings vorgeschaltet werden, für viele User*innen auf Mastodon eine essenzielle Funktion, die triggerbehaftete Themen leichter filterbar macht. Die Reichweite eines Beitrags kann für jeden Beitrag individuell eingeschränkt werden. Die Indizierung der eigenen Beiträge für Suchmaschinen lässt sich einschränken, Bilder verbergen, Followis manuell freischalten. Und es gibt keine Algorithmen, die Inhalte gewichten: Mastodon ist streng chronologisch.

Das Beste aber ist: Mastodon gehört niemandem. Kein Unternehmen verkauft die Daten, auch wenn es bereits Versuche gab, die öffentlich zugänglichen Daten abzusammeln. Werbung ist auf den meisten Servern verboten oder stark eingeschränkt. Und, für Leute, die von Twitter oder Facebook kommen, mag es verwunderlich sein: Es bringt fast immer was, problematische User zu melden. Insbesondere auf kleineren Instanzen mit festem Moderationsteam werden einzelne problematische User oder ganze Instanzen innerhalb kurzer Zeit geblockt.

Das ist auch der Grund, weshalb ich dazu raten würde, eine überschaubare Instanz mit klaren, starken Regeln als Homebase zu wählen.

Netzwerk, wechsel dich!

Wie also wechseln? Wie soll man loskommen von Facebook, Twitter, Instagram, wo all die lieben Leute sind, mit denen man sich so gern unterhält? Wo man Reichweite hat? Wo man gehört wird?

Ich gebe es zu, es ist nicht einfach. Es ist schwer, und die großen sozialen Netzwerke haben ein besonderes Interesse daran, es uns so schwer zu machen wie möglich. Wie bereits erwähnt, wir sind die Ware. Wenn wir abwandern, schrumpft ihr Gewinn. Das gilt es um jeden Preis zu verhindern.

Bei mir hat ein Abschied auf Raten gut funktioniert. Erst habe ich weniger interagiert. Dann weniger gelesen. Schließlich die App vom Handy geschmissen. Und schließlich meinen Account gelöscht. Erst bei Twitter, demnächst auch auf Facebook.

Politische Entscheidungen mit ungleichen Voraussetzungen

Aber ich weiß, ich befinde mich in einer privilegierten Position. Ich lebe nicht davon, dass meine Beiträge von möglichst vielen gelesen werden, ich brauche nicht das ganz große Publikum, das man derzeit nur auf kommerziellen Plattformen findet. Ich habe das Privileg, die Leute, die mir wichtig sind, auch über andere Wege erreichen zu können, so dass ich nicht auf soziale Netzwerke zurückgreifen muss – mit wenigen Ausnahmen, die weh tun.

Aber bei allen Überlegungen ist es wichtig, zu betonen: Neben einer persönlichen ist es auch eine politische Entscheidung. Ich will nicht länger durch meine bequeme Präsenz dazu beitragen, dass sich die sozialen Netzwerke aus ihrer Verantwortung stehlen. Dass sie ihre Macht missbrauchen, ausbeuten und durch das Anheizen sinnlosen Konsumierens aktiv dazu beitragen, den Planeten zu zerstören. Ich will mich nicht weiter darüber aufregen, dass von mir gemeldeten Hassaccounts weiterhin fröhlich ihren Hass verbreiten können – und durch meine Aufregung dem Unternehmen dabei ebenso viel einbringen wie durch das Posten von niedlichen Katzenfotos.

Ich verstehe, dass diese Entscheidung trotz ihrer politischen Dimension auch eine private ist. Und eine, die Bereiche von systematischer Diskriminierung und systematischer Privilegiertheit berührt, von ungleich verteilten Ressourcen. Und genau deswegen ziehe ich die Reißleine bei den großen sozialen Netzwerken: Denn wer es sich „leisten kann“, sollte sich die unbequemen Gedanken machen.

Und dann die Konsequenzen ziehen.

Von Mode, dem Frühlingserwachen der Kauflust und Klimaschutz durch Verzicht

Ja, tatsächlich. Meine Datumsanzeige auf verschiedenen digitalen Endgeräten sagt, es ist März, und zwar schon fast eine Woche lang! Also haben sie sich enntweder gegen mich verschworen (immer möglich), oder der Februar ging einfach sagenhaft schnell vorbei.

Und ich glaube, ich bin immer noch in der Gewöhnungsphase meines No-Buy-Jahres. Aber langsam, langsam geht es besser. Ich schaue immer seltener in Schaufenser und überlege, was ich noch kaufen kann. Und ich surfe nur noch selten Onlineshops ab, um nach neuem Zeug zu schauen.

Aber jetzt kommt der Frühling.

Ich weiß schon jetzt, der Frühling wird eine Herausforderung. Nach monatelanger Existenz im dunkelblauen Winterjacken-Kokon mit vor allem funktionalen Schichten darunter dürste ich nach leichten Stoffen, leuchtenden Farben und gewagteren Schnitten. Mein Auge ist so depriviert wie meine Seele, und ich merke, wie ich immer mal wieder in Schaufenster lunse. Wenn ich schon nichts kaufe, will ich doch wenigstens wissen, was so angezogen wird im Frühling, von anderen Menschen. Von modebewussten Menschen. Um mich irgendwie daran zu orientieren.

Ist das nicht merkwürdig? Einerseits: Ich habe schon immer besonders viel Spaß am Verkleiden gehabt, wenn auch nicht an dieser verknöcherten Seltsamkeit, die sich „deutscher Karneval“ nennt. Andererseits: Was ist denn „modebewusst“ bitte für eine Eigenschaft, und wieso ist mir das eigentlich wichtig? Laut Wiktionary heißt „modebewusst“ „sehr auf die Mode achtend“. Laut Duden online heißt es „sich bewusst nach der Mode richtend“.

Was ist eigentlich Mode, und warum ist sie mir (bisher) wichtig?

Jetzt komme ich wohl nicht darum herum, aufzubohren, was Mode eigentlich ist. Ich fange mal mit der Definition der Wikipedia an:

Mode (aus dem Französischenmode; lat.modus ‚Maß‘ bzw. ‚Art‘, eigentlich ‚Gemessenes‘ bzw. ‚Erfasstes‘) bezeichnet die in einem bestimmten Zeitraum geltende Regel, Dinge zu tun, zu tragen oder zu konsumieren, die sich mit den Ansprüchen der Menschen im Laufe der Zeit geändert haben. Moden sind Momentaufnahmen eines Prozesses kontinuierlichen Wandels.

Wikipedia

Und weiter unten zum soziologischen Aspekt:

Elemente neuer Moden werden schneller übernommen von Gruppen, die offen sind für Neues, die gerne experimentieren, die mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind, die etwas verändern wollen, […] und die sich als eigenständige Persönlichkeiten darstellen wollen, die sich also von ihrem Selbstverständnis gern von der Masse der Bevölkerung oder vom Establishment abgrenzen.

(Der deutsche Wikipedia-Artikel zum Thema Mode ist leider etwas krude geschrieben und enthält leicht abfällige Töne, die ich so auf der englischen Seite nicht gefunden habe. Ich vermute die übliche Verzerrung, die speziell in der deutschsprachigen Wikipedia-Community herrscht.)

Diese soziologisch-politische Bedeutung von Mode spielt bei mir durchaus eine wichtige Rolle. Nonkonformität nicht nur zu leben, sondern auch nach außen hin zu zeigen, ist mir wichtig. Interessant finde ich gerade die Beobachtung, dass ich das in der Vergangenheit oft dadurch gemacht habe, möglichst modische Stücke zu kaufen und mit als eine der Ersten zu tragen. Vermutlich sollte das ein Ausdruck verschiedener Facetten meiner Persönlichkeit und Einstellungen sein, im Verdacht stehen meine Offenheit für Erfahrung und meine gesellschaftliche Orientierung in Richtung Progressivität und Veränderung.

Alles neu macht der … März

Mindestens in diesem Jahr werde ich aber neue Ausdrucksformen dafür finden müssen. Dank Marie Kondo ist mein Kleiderschrank immerhin sehr aufgeräumt, so dass ich mich schnell orientieren kann und schnell die Klamotten finden kann, die ich gerade gerne anziehen will. Und ich freue mich schon sehr auf all die schönen Sachen, die ich schon habe und die den ganzen langen Winter im Kleiderschrank geschlafen haben. Endlich wieder leichtere Hosen! Endlich wieder Hemden statt Pullover, oder – ich wage kaum, daran zu denken – leichte Tops!

Und das alles wird mir nur etwas verdorben von der Tatsache, dass es im März eigentlich nicht so warm sein sollte. Dass der Februar viel zu warm war. Durchschnittlich 3,9 °C zu warm in Deutschland, das ist ehrlich gesagt beängstigend.

Mein einziger Trost ist, dass ich durch weniger undurchdachten Konsum auch weniger Müll mache: Für mich muss dieses Jahr kaum etwas produziert werden, was nicht Nahrung ist. Immerhin ein winziger Schritt in die richtige Richtung.

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