Schlagwort: kapitalismus

#everyLipstick: Ich trage alle meine Lippenstifte

Es begann damit, dass ich vor meinen Lippenstiften saß und überlegte, welchen ich heute benutzen wollte. Den nicht, den auch nicht, den trage ich doch immer… Ich wählte einen meiner älteren Lippenstifte in einem leicht kühlen Rot:

Tag 1 der #everyLipstick Challenge: NYX Matte Lipstick in Perfect Red.

Ich hatte gerade beschlossen, ein zweites No-Buy-Jahr zu machen (dazu bald mehr hier), und ich schaute auf meine Lippenstifte. Ich versuchte, sie zu zählen: 86. Ich zählte nochmal: 85. 89. 87. Ich verzählte mich jedes Mal – das kann schon mal passieren, bei der Menge.

Es waren jedenfalls zu viele. Und so viele, die ich eigentlich nie trage. Die ich nur besitze wegen ihrer Verheißung: Trag mich, und du bist schön, trag mich, und du siehst stark aus. Trag mich, und du machst ein Statement. Trag mich, dann bist du mutig. Trag mich und zeig es allen. Trag mich und sei süß. Trag mich, damit du dich stark fühlst.

Trag mich, und du bist besser als ohne mich.

So ein Scheiß, dachte ich. Ich trage die meisten meiner Lippenstifte nicht, weil es gerade gar keinen Anlass dazu gibt. Jetzt gerade ist Corona. Davor schon hatte ich ein Kind und eigentlich nie genug Zeit zum Weggehen. Aber mal ehrlich, mehr als 80 Lippenstifte sind auch nicht dazu da, getragen zu werden. Ich habe sie damals gekauft, weil jeder von ihnen mir etwas versprochen hat. Mal war es mehr Mut, mal mehr Schönheit. Oft war es mehr Erfolg, mehr Zeit, mehr Selbstliebe. Gehalten hat bisher kein Lippenstift irgendetwas davon.

Tag 2: KvD Beauty Studded Lipstick in Sanctuary.

Ich war in der Zeit, in denen sich die Lippenstifte bei mir angesammelt haben, auf das große Versprechen des Kapitalismus hereingefallen: dass der Erwerb eines Gegenstandes mich verwandeln könnte. Dass ich Dinge nur besitzen muss, um schon etwas erreicht zu haben. Und dass ich mehr erreichen kann, indem ich mehr besitze.

Natürlich stimmt das nicht. Ich kann mir tausend fancy Stifte kaufen, und jeder ist irgendwie anders und cool und besonders und einzigartig, und damit kann ich wild vor mich hinkritzeln. Wenn ich aber nicht hart an den Dingen arbeite die mir Probleme bereiten, verbessere ich mich trotzdem kaum. Der bloße Besitz macht aus mir nicht mehr, sondern letztlich weniger: Ich mache mich Abhängig von Dingen, von magischen Amuletten, die mir den Weg zeigen zur vermeintlichen Erleuchtung. Und funktioniert das eine Amulett nicht, na dann kaufe ich eben ein neues!

Tag 3: Gerard Cosmetics Hydra Matte in Cher.

Stil, Erfolg, Mut und Schönheit kann ich mir nicht kaufen. Das weiß ich schon seit meinem letzten No-Buy-Jahr. Oder besser: mein logisch arbeitender Verstand weiß das. Es ist leider so, dass ich es in diesen stressigen Zeiten nur halb schaffe, rationale Entscheidungen zu treffen und dass sich oft ich sage mal niedere Bedürfnisse Bahn brechen und eventuell ungesunde Ventile suchen, weil ich gerade nicht so die Kapazitäten habe, mein Verhalten zu 100% zu durchleuchten und zu kontrollieren. So geht es vermutlich gerade vielen: Der Mental Load während einer Pandemie ist enorm. Das soll keine Entschuldigung, kann aber eine Erklärung sein, warum ich meinen eigenen Maßstäben gerade nicht so ganz gerecht werden kann.

Tag 4: Jeffree Star Velour Liquid Lipstick in Weirdo.

Was also tun? Klar, mein neues No-Buy-Jahr wird helfen, keine Frage. Aber ich kann noch etwas anderes machen: Ich kann jeden dieser Lippenstifte, die ich erworben habe, ein Mal tragen und dabei beobachten, was das mit mir macht. Eine Art Abschiedsrunde für den Überfluss, den ich sonst nie benutze.

87 Lipstick Swatches:
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Catrice Blessings Brown Cafe Au Lait
Gerard Cosmetics Rodeo Drive
Urban Decay Backtalk
Colourpop Lux Lipstick Big Break
MAC Twig
Nyx Whipped Caviar
MAC Craving
Colourpop Lippie Stix Cami
Colourpop Ultra Satin Lip November
Gerard Cosmetics Hydra Matte Cher
Colourpop Lux Lipstick Ghosted
Jeffree Star Velour Liquid Lipstick Androgyny
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MAC Really Me
Sephora L21
Gerard Cosmetics Underground
Colourpop Ultra Satin Lip Magic Wand
Catrice Ultimate Stay 020 All That She Wants
MAC Whirl
MAC Spirit
Sephora L14
L'Oréal Color Riche 634 Greige Perfecto
L'Oréal Rouge Signature I Explore
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Catrice Blessings Brown Creme Brulee
Physicians Formula Butter Lipstick In Soaking Up The Sun
Maybelline Color Sensational 986 Melted Chocolate 
Catrice Blessings Brown Tarte Au Chocolate 
3ce Matte Lipstick 220 Hit Me Up 
3ce Soft Lip Laquer Tawny Red
Maybelline Super Stay Ink Crayon 20 Enjoy The View 
Colourpop Lux Lipstick Ghosted 
Gerard Cosmetics Hydra Matte Sedona 
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Catrice Alluring Reds C01 M-Attraction
Maybelline 883 Orange Danger 
MAC Lady Danger 
Gerard Cosmetics Mai Tai 
Urban Decay Temper 
Maybelline Color Drama 410 Fab Orange 
Urban Decay Bad Blood Gerard Cosmetics Hm Immortal 
MAC Marrakesh 
MAC Diva
MAC Viva Glam III
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L'Oréal Rouge Signature I Don't
Coringco Cherry Chu Bonny 05
Colourpop Lippie Stix Let's Play
Colourpop Lippie Stix Frenchie
Colourpop Ultra Satin Lip London Fog
H&M Pyrope
Revlon Lacquer Balm 150
Nyx Ultra Matte Perfect Red
Too Faced Melted Matte Lady Balls
Fenty Beauty Stunna Lip Paint Uncensored
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Manhatten Oh My Gloss 635
Nyx Butter Gloss Angel For Cake
Fenty Beauty Slip Shine Cookies & Cocoa
Fenty Beauty Gloss Bomb Fenty Glow 
Colourpop Ultra Glossy Lip Wolfie
MAC Plum Dandy 
Catrice Victorian Poetry Berry British
Urban Decay Afterdark 
Colourpop Ultra Satin Lip Virginia
Sleek Shattered Glass Acid Kiss
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Memebox Im Meme Bare You 003
Nyx Butter Gloss Napoleon
Maybelline Color Show 420
Colourpop Lippie Stix Juice Bar
A'Pieu Juicy Pang Lip Tint CR05
Colourpop Lippie Stix Topanga 
MAC Vegas Volt 
Colourpop Ultra Satin Lip Fortune Favors 
A'Pieu Juicy Pang Lip Tint RD03
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Jouer Lip Topper Skinny Dip
Colourpop Ultra Metallic Lip J.I.C.
H&M Roaring Twenties
Maybelline Color Sensational 35 Steel Chic
Gerard Cosmetics Hydra Matte Ecstasy
KvD Studded Lipstick Sanctuary
Catrice Ultimate Matte 060
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MAC Girl About Town
Urban Decay Firebird
H&M Mauveine Queen
Urban Decay Jawbreaker
Coloured Raine Rockstar
Smashbox Be Legendary Lipstick Punked
Maybelline 50 Gunmetal
Nyx Liquid Suede Stone Fox
Urban Decay Perversion
Jeffree Star Velour Liquid Lipstick Weirdo
Alle meine 87 Lippenstifte.

Live verfolgen kann das wer mag auf Instagram oder Mastodon unter dem Hashtag #everyLipstick. Ich beobachte mich derweil und werde beizeiten berichten.

2020: Das Jahr, in dem ich ein Budget aufnahm

Ich habe beschlossen, 2020 ein Budget zu führen. Das wird für mich eine Herausforderung. Ein Jahr (fast) nichts zu kaufen war schon schwierig, ein Budget einzuhalten wird aber voraussichtlich noch schwieriger. Während es mir relativ leicht fällt, meinem Konsumwunsch freien Lauf zu lassen oder mich komplett zu enthalten, ist es für mich ungleich schwerer, ein gutes Maß zu finden und zu halten.

Ein Maß zu halten habe ich bisher einfach nicht lernen müssen. In der Zeit, in der ich kein Geld auszugeben hatte, konnte ich es nicht lernen, weil mir das Geld fehlte. Und danach kenne ich nur das Gefühl, mir jeden Wunsch unmittelbar zu erfüllen und mir so vorzuspielen, ich müsste mir um Geld niemals Sorgen machen.

Existenzieller Frugalismus, Boomer!

Das stimmte natürlich nie. Ich wundere mich kein Stück, dass meine Generation nicht nur aus Umweltgründen spart. Frugalismus heißt der aktuelle Lifestyle, den die Boomer nie nötig hatten. Und wenn ich das Wort „Rente“ höre, bekomme ich aus mehreren Gründen Schnappatmung. Darum ist auch mein Konsumverzicht irgendwo zwischen Umweltschutz, Kapitalismusverweigerung, Sinnsuche und Lebensnotwendigkeit angesiedelt.

Den sorgsamen Umgang mit Geld wirklich zu lernen ist eines meiner Ziele für dieses Jahr. Ich will keinen sorglosen Konsum mehr, der mehr kaputtmacht, als ich mir ausmalen kann. Ich will nicht von personalisierter Werbung verfolgt werden, bis ich zu einem Shoppingzombie werde, der brav kauft, was ihm vorgesetzt wird. Und ich will mich auch nicht daran beteiligen, unseren Planeten buchstäblich kaputtzukonsumieren.

80 € für nachhaltigen Konsum

Seit ich selbst Geld verdiene, musste ich nicht mehr mit einem Budget auskommen. Ich war daher ein wenig ratlos, wie hoch ich es ansetzen sollte. Früher bekam ich 60 Mark im Monat Taschengeld, und dafür musste ich mir alles kaufen: Schulsachen, Kleidung, Schuhe. (Als Jugendliche waren Wohnung und Essen inklusive.) Mit diesen umgerechnet knapp 30 € im Monat würde ich vermutlich nicht mehr auskommen, auch, weil diese 30 € heute inflationsbedingt nur noch eine Kaufkraft von etwa 23 € haben.

Ich überlegte also hin und her. 50 € erscheinen mir zu knapp, wenn ich davon alles kaufen muss, was ich im kommenden Jahr so kaufen muss, von Shampoo über Concealer, von neuen Schuhen bis hin zu Jeans, von einer neuen Winterjacke, die voraussichtlich ansteht, bis zu Büchern, Spielen und anderem Firlefanz. Es ist mir wichtig, dass ich mein Budget auch einhalte. Ich will mich nicht mit zu ehrgeizig gesteckten Regeln scheitern lassen. 100 € scheinen mir andererseits zu viel, das wären immerhin 1200 € auf das ganze Jahr gesehen. Und ich wollte im Jahr unter 1000 € bleiben.

Ein Budget braucht Regeln

Mein Budget wird bei 80 € im Monat liegen, was 960 € auf das Jahr gesehen macht. Die kann ich für Kleidung, Pflegedinge, Schminkzeug, Schuhe, Bücher, Elektroniksachen, Spiele, Deko, Geschirr oder Schmuck ausgeben. Ich setze mir selbst die Regel, dass ich mein Monatsbudget nicht überziehen darf. Ich darf mir nichts von meinem „zukünftigen Ich“ ausleihen. Aber wenn ich das Budget in einem Monat nicht ausschöpfe, wandert der Rest in den nächsten Monat.

Wenn ich diesen Betrag jetzt so vor mir sehe, ist das ganz schön viel Geld. Mal sehen, wie ich in einem Jahr darüber denke.

Marie Kondo, No-Buy, Zero Waste, Fridays for Future – dies ist eine Revolution!

Whoa whoa whoa! Halt, Stopp! Das sind aber viele Buzzwords in einem Titel! Ist das hier einer von diesen Clickbait-Artikeln? Nein. Ich verdiene nämlich gar nichts, wenn meine Artikel geklickt werden. („Whaaaaaaat!1!“) Nicht alles hat mit Kapitalismus zu tun.

Also zumindest nicht dieser Text, nicht so.

Jetzt, wo wir das aus dem Weg haben: Diese „Buzzwords“ sind gerade erstarkende Bewegungen, von denen manche politischer daherkommen als andere. Aber sie alle haben gemeinsam, dass sie etwas in unserer Gesellschaft sichtbar machen, das wir bisher vielleicht nicht so klar sehen konnten.

Arbeiten - Kaufen - Sterben auf einem Aufkleber
Foto von Daniel Schweighöfer.

Außerdem bin ich heute über den Artikel gestolpert Zehn Zwänge, die uns der Kapitalismus einbrockt. Neugierig klickte ich – und war von dem klitzekleinen Bogen, den der Artikel spannt, komplett unterrascht. Uh, ja, wir arbeiten für Geld, das war nicht immer so. Big Deal. Durchgeplante Arbeit führt zu durchgeplanter Freizeit. Gähn. Schnell wieder zugemacht und statt dessen angefangen, selbst zu schreiben.

Dabei berührt Kapitalismus uns viel tiefer. Er bestimmt unser Denken und Fühlen. Er verändert unsere Wahrnehmung. Er degradiert Menschen zu Verbrauchern, deren Sinn es ist, Waren zu fertigen, Dienstleistungen zu erbringen, zu konsumieren und dann zu sterben.

Marie Kondo, Göttin der Selbst-Genügsamkeit

Enter Marie Kondo. Sie schreibt uns nicht vor, was wir besitzen müssen. Sie sagt nicht, ob 10 Jeans zu viele, zu wenige oder gerade richtig viele sind. Sie sagt nur: Nimm dir die Zeit, dein Zeug in Ruhe anzusehen. Nimm dir die radikale Freiheit, ohne besondere Gründe Dinge auszusortieren. Nimm dir den Mut, alles kritisch anzuschauen und zu sehen, was dich davon glücklich macht.

Ein großer Berg Kleidung, aufgetürmt auf einem Bett.
KonMari, Stadium 1: Ein Berg Kleidung auf einem Bett aufgetürmt.

Die Erfahrung, die viele machen, die mit Hilfe von Konmari ausmisten: Es sind viel weniger Sachen als gedacht, die „Joy sparken“, also Freude auslösen. Viele Sachen sind Ballast, viele machen traurig, nageln eine*n in der Vergangenheit fest. Ich habe beim Ausmisten sehr stark gespürt, mit wie vielen negativen Gefühlen mein Zeug aufgeladen war. Ich hielt an Zeug, nein, an Müll fest, weil … ich irgendwann einmal Geld dafür ausgegeben hatte. Weil ich dachte, dass das „zu schade“ zum Ausmisten ist. Weil ich es ja noch mal brauchen könnte.

Aus Marie Kondo folgt: Es sind nicht die Dinge, die wirklich glücklich machen können. Die Dinge sind ein Mittel zum Zweck. Manche gewinnen wir lieb, füllen sie mit Bedeutung und guten Erinnerungen. Die sparken dann auch Joy, und wir halten lange an ihnen fest. Aber nicht, weil diese Dinge das von sich aus mitgebracht hätten. Sondern weil wir etwas mit ihnen gemacht haben.

No-Buy, die Rebellion der (Nicht-)Käufer*innen

In der Make-up-Community geht ein Gespenst um. Es heißt „No-Buy“, und es macht aus braven Konsument*innen der neuesten Lidschattenpalette, des krassesten Lippenstifts und dieser goldenen Gesichtsmasken Rebell*innen. Sie shoppen nicht im Laden, sondern in ihrem Stash, sie *shock* benutzen ihr Schminkzeug, statt sich neues zu kaufen. Sie rotten sich zusammen und ermuntern sich zum Nichteinkaufen, sie schauen sich das neue Zeug an und finden es nicht gut genug.

Das No-Buy ist für mich ein logischer Schritt nach dem Konmari-Ausmisten, auch wenn ich selbst erst mit dem No-Buy angefangen und dann ausgemistet habe. Aber nach der Feststellung, wie viel Zeug wir eigentlich alle besitzen, und wie wenig glücklich es macht, kommt die Erkenntnis, dass das impulsive Mehr-Kaufen von mehr Zeug nicht dazu führen wird, dass wir glücklicher sind, unsere Ziele eher erreichen oder uns langfristig besser fühlen.

Wenn das Zeug, das ich früher gekauft habe, mich jetzt nicht glücklicher gemacht hat – wird dann das Zeug, das ich jetzt kaufe, mich in Zukunft glücklicher machen?

Ich arbeite hart daran, nicht ein einziges Stück Müll bei mir einziehen zu lassen. Durch mein No-Buy habe ich mir eine Art Entgiftung verschrieben, die mich aus meinen Konsumgewohnheiten reißen soll. Und was soll ich sagen, es wirkt!

Auf dem Foto sind zwei Rouges zu sehen und zwei Puder fürs Gesicht. Bei den beiden Pudern schimmert in der Mitte der Boden des Behälters durch.
Rouge und Puder zu Beginn meines „Project Pan“.

Mit Misstrauen betrachte ich die Menschen, die durch Fußgängerzogen schlendern, eigentlich nur spazieren gehen, aber nicht durch Wald oder Feld, sondern durch den Konsum streifen. Mit Ekel schaue ich auf unter furchtbaren Umständen produzierte Waren, die in Läden hängen, die mit „25 % unserer Mode ist nachhaltig produziert!“ werben, ohne ausführen zu müssen, was das eigentlich sein soll, dieses „nachhaltig“. Mit Widerwillen schaue ich auf meine viel zu große Makeupsammlung, die ich zwar schon etwas ausgedünnt habe, aber die noch mehr Zeit brauchen wird, bis sie auf ein sinnvolles Maß geschrumpft ist. Mit Verachtung höre ich immer noch zu viele Politiker*innen, die Konsum, Arbeit und Würde miteinander koppeln. Als gäbe es keine Alternative. Als würde alles besser werden, wenn wir uns nur ganz, ganz dolle anstrengen und schnell viel konsumieren! Kauft, Leute, kauft!

Am besten gute deutsche Autos. Mmmmh, lecker Autos!

Our culture of work strains to cover its flaws by claiming to be unavoidable and natural.

Post-work: the radical idea of a world without jobs

Zero Waste: Wenn schon Konsum, warum dann nicht anders?

Und überhaupt, wenn wir etwas kaufen, wie kaufen wir es dann? Wieso sind meine Gurken eigentlich verpackt? Das muss auch anders gehen! Zero Waste ist das neue Bio. Denn Verpackungsmüll, damit das unter menschenunwürdigen Bedingungen produzierte Gemüse von relativ weit weg möglichst keimfrei aussehend für möglichst lange Zeit in unseren riesigen Einkaufstempeln dümpeln kann, ist einfach mal kacke. Das kann man so hinnehmen – oder auch nicht! Wo einige schon darauf achten, fair produzierte Lebensmittel zu kaufen, steht bei Zero Waste die Müllvermeidung im Vordergrund. Ich bin jetzt nicht sicher, ob sich die Zero-Waste-Herangehensweise nur auf die Verpackung beim Kauf beschränkt, ich nehme es aber an, da es ziemlich schwierig ist, die komplette Produktionskette seriös zu durchleuchten.

Aber wäre ein Siegel dafür, Waren plastikfrei herzustellen, nicht eine erstrebenswerte Sache?

Fridays for Future, die Zukunft ist jetzt

Die Zeit wird knapp. Viel zu lange haben wir auf zu großem Fuß gelebt. Wir haben uns die Gegenwart von der Zukunft geliehen, und jetzt holt uns die Zukunft ein. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Es geht einfach nicht, Punkt. Nicht, wenn wir eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten haben wollen.

Das hat die Bewegung Fridays for Future erkannt. Sie haben so Recht. Nein, wir können in Zukunft nicht mehr fix nach Paris fliegen, dann zum Entspannen schön auf die Kanaren, und im Winter der Sonne hinterher nach Thailand. Wir können nicht, wenn wir die Welt nicht in katastrophalem Zustand hinterlassen wollen. Und zumindest ich bin nicht bereit, das billigend in Kauf zu nehmen.

Und vollkommen zu Recht fordert die Bewegung die Politik auf, gegenzusteuern. Denn auch wenn wir mit kleinen Handlungen manchmal Kleinigkeiten bewegen können, lastet dadurch doch der Druck auf dem Individuum. Es gibt Menschen, die brauchen Strohhalme! Es ist nicht ihre Schuld, dass die billigsten Strohhalme aus Plastik sind und die von Restaurantbesitzenden gekauft werden. Niemand verdient es, dafür beschämt zu werden, eine einfache Lösung zu wählen. Ist ja schön, wenn ich mir als Mensch mit Zeit und Geld aussuchen kann, keinen Müll zu machen – aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein in Anbetracht der Möglichkeiten, die es zur Müllvermeidung gäbe!

Angebot und Nachfrage

Die Zeit ist reif für tiefgreifende Änderungen. Für mutige Schritte. Manche probiere sie im Kleinen aus, testen, ob das klappt mit diesem Leben ohne Müll, mit weniger Konsum. Die Erkenntnis wächst, dass es geht. Und dass es gehen muss.

Die radikale Freiheit des Konsumverzichts

Ist Kapitalismuskritik wieder schick? Nein? Gut, dann können wir ja loslegen. Ich mache ja 2019 dieses No-Buy-Jahr. Ein Jahr lang nichts kaufen außer Essen, außer Dingen, die ich wirklich leer mache. Ein Jahr lang Verzicht.

Eine Werbeanzeige für tolle Klamotten.
„Verpass es nicht, unser Sale läuft nicht ewig! Bis zu 70% Rabatt auf ALLES!“
Auf alles, was ich nicht brauche. Das sind immer noch 30%, die ich bezahle. Und Verschwendung.

Aber ist es das wirklich, Verzicht? Es stimmt, ich kaufe nichts, wenn ein Impuls daherkommt. Nicht, wenn ich auf dem Handy scrolle, und auch nicht, wenn ich durch die Straßen gehe. Aber ist das denn zwangsläufig eine Einschränkung? Ist das ein Einschnitt in mein Leben, hindert mich das, am gesellschaftlichen Miteinander teilzunehmen?

Eine Werbeanzeige für schicke Brillen.
„Neu eingetroffen! Klassische Brillen sind immer stylish! Kauf 1, zahl nur 50% für den Rest!“
Neu, neu, neu. Und mehr.

Du willst es doch auch.

Vorweg: Ja, klar ist mein No-Buy ein Verzicht! Duh. Aber ich lerne gerade, dass das nichts Schlimmes ist, ganz im Gegenteil. Ich lerne mich selbst kennen. Lerne, wann ich schwach bin, empfänglich für Verführungen und Versprechungen. Wenn ich müde bin. Wenn ich gestresst bin, meine Laune im Keller ist. Wenn ich denke: „Und wann komme ich?“ Wenn ich enttäuscht bin. Dann will mein Hirn sich seine Belohnung holen. Ohne Aufschub, schnellschnell, Knopf gedrückt, Dopamin da.

Und ich lerne Werbung besser kennen, die mein müdes Hirn genau kennt und mit seinen Ängsten und seinem Begehren spielt: Kauf jetzt, kauf schnell, kauf viel! Denk nicht nach, klick einfach! Einfach. Hier, kauf dir Schönheit, kauf dir Stil, kauf dir, kauf! Reduziert, reduziert, aber nur für kurze Zeit! Bald nicht mehr, und dann ärgerst du dich. Rabattcode, exklusiv! Nur jetzt. Jetzt.

Eine Werbung, auf der fett "Sale bis zu 50% Rabatt!" steht.
„Sale. Bis zu 50% Rabatt! Es ist Zeit!
Zeit für wen oder was

Nein sagen heißt mehr Freiheit.

Mein bewusstes Neinsagen zu den diversen bunten Auswüchsen des Kapitalismus nimmt mir nur auf einer Seite Möglichkeiten. Es ist jetzt viel schwerer, einen „quick fix“ zu kriegen, ich kann nicht mehr das Knöpfchen drücken und mich selbst ein bisschen mehr happy machen. Auf der anderen Seite gewinne ich neue Möglichkeiten hinzu. Ich gebe Geld nicht aus, das ich hinterher für andere Sachen einsetzen kann – oder auch nicht.

Ich sehe das gerade lebhaft an mir und an den Berichten der anderen Menschen, die mit mir dieses No-Buy-Jahr begonnen haben. Für manche ermöglicht ein No-Buy erst die ganz grundlegende Versorgung. Manche geben das Geld an anderen Stellen wieder aus, um an etwas Besonderem lange Freude zu haben, zum Beispiel an einzigartigen Erlebnissen, oder an einem Tattoo. Manche Menschen lernen, zum ersten Mal in ihrem Leben, wirklich Geld auf dem Konto zu lassen, auch, wenn es da vor einem Monat schon war. Und für einige Menschen bedeutet dieses Mehr an Geld ein Mehr an Sicherheit in der Zukunft.

Auf mich treffen gleich mehrere dieser Aussagen zu. Nie war ich mir meines Konsumverhaltens im Kapitalismus so bewusst, wie im Moment. Nie habe ich mich den grundlegenden Ideen des Kapitalismus‘ ferner gefühlt als im Moment. Wohin ich schaue, sehe ich Überfluss, Verschwendung. Unnützes Zeug, gerade gut genug für den Kick für den Augenblick. Befriedigung niedrigster Triebe.

Ja, mein No-Buy ist ein Verzicht. Aber mein No-Buy ist keine Einschränkung.

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