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Archiv (Seite 4 von 6)

Ein Vierteljahr lang nichts* gekauft: Was habe ich bisher aus meinem No-Buy-Jahr gelernt?

Ich habe volle 3 Monate Nixkaufen* geschafft! Woohoo! Party! Zeit für einen neuen Lippenstift! Nee Quatsch, natürlich nicht. Tatsächlich habe ich gerade erst 12 Lippenstifte rausgeschmissen – und habe damit jetzt noch 98:

110 Lippenstifte, auf dem Unterarm geswatcht.
Meine Sammlung von 110 Lippenstiften. Durchgestrichen sind die 12, die ich aus verschiedenen Gründen rausgeschmissen habe.

Und dieses Zitat fasst meine bisherige Erfahrung mit meinem No-Buy ziemlich treffend zusammen:

„After several months of not shopping I was finally able to see my shopping obsession for what it was, which was that I was trying to be more perfect by buying things that I thought would make my life more perfect.“

„Nach einigen Monaten des Nichts-Einkaufens konnte ich meine Shopping-Besessenheit als das sehen, was sie war: Dass ich versuchte, perfekter zu sein, indem ich Dinge kaufte, von denen ich dachte, sie würden mein Leben perfekter machen.“

Ich habe gelernt, dass ich Schönheit ebensowenig kaufen kann wie Inspiration, Kraft oder das Reinpassen in irgendeine Gesellschaft, in der ich mich unwohl fühle. Kein Gegenstand und schon gar kein Kauf kann mir etwas geben, wenn ich nicht eine Entsprechung in meinem Inneren finde. Und an sich benötigt die nicht mehr Dinge, sondern Achtsamkeit und nach innen gerichtete Aufmerksamkeit.

Was ich kaufen kann, ist nur Zeug.

Mehr Zeug, das ich auch irgendwo hintun muss. Mehr Zeug bedeutet für mich nicht mehr Zufriedenheit, sondern weniger. Das ist eine der Sachen, die ich gelernt habe, als ich meinen Kleiderschrank wirklich von Grund auf ausgemistet habe.

Ja, ich kann Sachen kaufen, die mir helfen können, hübsch auszusehen, die mir ein wenig Mut verleihen oder mich optisch besser irgendwo reinpassen lassen. Aber es ist nicht so, dass das meine eigene Anstrengung ersetzen könnte. Ich muss immer noch hart arbeiten. Und einfach mehr Zeug zu kaufen, obwohl ich schon genug Zeug habe, macht das nicht einfacher. Es vergrößert nur meine Auswahl, und die Menge an Dingen, die ich irgendwo in der Wohnung unterbringen muss.

Ich merke, wie ich weniger und weniger sinnlos nach etwas Tollem zum Einkaufen suche. Klar, ich bin nicht perfekt. Und klar, ich muss immer noch Sachen kaufen, Essen zum Beispiel, und demnächst sind dann vielleicht auch mal all meine Mascaras leer, oder meine Deos. Shampoos habe ich immer noch, unfassbar. Mindestens noch eine ganze volle Flasche zusammengenommen.

Wie geht’s jetzt weiter mit dem No-Buy?

Es heißt weiter: Durchhalten. Beobachten, was passiert. Schauen, wo ich noch Schwierigkeiten habe. So ganz nebenbei versuche ich auch, weniger Verpackungsmüll zu erzeugen. Von Zero-Waste bin ich traurigerweise noch weit entfernt, und da ich auf dem Kaff lebe und nicht in der Stadt, ist es für mich leider oft zu aufwändig, bestimmte Produkte unverpackt zu bekommen. Aber ich will mehr darauf achten und mich mehr anstrengen. Ein Supermarkt in der Nähe hat gerade bei vielen Gemüsen auf unverpackt umgestellt oder auf ganz einfachen Pappkarton. Das ist extrem hilfreich, und ich hoffe, dass noch viele diesem Beispiel folgen werden!

*) Ich habe mich an meine No-Buy-Regeln gehalten, von einer bedauerlichen Ausnahme abgesehen. Insgesamt habe ich in diesem Vierteljahr gekauft:

  • Zwei Longsleeves (ich hatte vorher kaputte und ungeliebte aussortiert)
  • Stoffkisten zum Aufräumen von konmarie-tem Zeug (hatte ich nicht und waren schon länger nötig)
  • Eine Haarspülung (war leer)
  • Retinoid und Hyaluron von The Ordinary (war leer)
  • Drei Toner, weil meine beiden leer waren – da habe ich also einen Ausreißer gehabt 🙁
  • Salzspray für mein Haar, ein schlechtes, das nur schlimme Dinge machte, und danach ein gutes
  • Dazu Kunstsachen, vor allem Marker für meine aktuelle Markerphase, und eine Tasche, in der ich sie transportieren kann

Ich faile beim No-Buy: Wie ich es nicht schaffe, mich auf einen Nachkauf zu beschränken

Es stimmt. Ich probiere gerne neue Sachen aus. Ich habe schon darüber geschrieben, dass es zum Teil daran liegt, dass ich einfach Spaß daran habe, neue Dinge zu entdecken.

Aber eine andere Facette ist mir inzwischen auch klar geworden: Ich habe für einige „Probleme“ noch keine „Lösung“ gefunden, oder, noch schlimmer: Meine „Lösung“ gibt es nicht mehr.

Ich will doch nur testen!

Ein Beispiel: Salz-Spray fürs Haar. Ich habe seit ein paar Jahren einen Bob, und ich mag es, meine Haare wuschelig zu tragen. Gutes Salzspray ist dafür toll, es gibt Textur und macht die Haare ein bisschen strähnig, aber nicht zu sehr. Mein geliebtes Bamboo-Salzspray gibt es jetzt aber einfach nicht mehr. Also: Neues suchen. Und da es für solche haarsachen einfach keine Tester gibt, bin ich auf einen Glücksgriff angewiesen.

Ich war stark und habe nur ein neues Salzspray gekauft, nachdem das alte, gute leer war. Und: es ist einfach schlecht. Es macht die Haare strohig und trocken, aber dabei nicht griffig, sondern schlapp und schwer. Worst-of-Salzspray von der Eigenmarke von Rossmann. Also werde ich nachher ein neues suchen. Vielleicht habe ich ja dieses Mal Glück.

Und neulich sind mir meine Gesichtstoner ausgegangen. Nicht zuletzt, weil der Toner von meinem Mann mitbenutzt wurde – und jetzt gibt es den „Aloe Toner 98%“ von Holika Holika nur noch als Import. Orr. Und gute Toner ohne Mikroplastik, Alkohol und Gedöns gibt es eh nicht in der Drogerie soweit ich weiß – und dabei will ich doch Versandkosten und Verpackungsmüll sparen… Also habe ich drei (jaja) Toner bestellt, in der Hoffnung, dass einer von ihnen gut ist und ich nichts neu bestellen muss. (Und dass einer von ihnen in den Besitz meines Mannes übergehen wird.)

Und jetzt habe ich das umgekehrte Problem: Sie sind alle ziemlich gut! Ich werde sie also nacheinander aufbrauchen und muss mich genauer beobachten und eine Möglichkeit finden, wie ich sinnvoll Dinge nachkaufen kann, die ich nicht selbst testen kann.

Von Mode, dem Frühlingserwachen der Kauflust und Klimaschutz durch Verzicht

Ja, tatsächlich. Meine Datumsanzeige auf verschiedenen digitalen Endgeräten sagt, es ist März, und zwar schon fast eine Woche lang! Also haben sie sich enntweder gegen mich verschworen (immer möglich), oder der Februar ging einfach sagenhaft schnell vorbei.

Und ich glaube, ich bin immer noch in der Gewöhnungsphase meines No-Buy-Jahres. Aber langsam, langsam geht es besser. Ich schaue immer seltener in Schaufenser und überlege, was ich noch kaufen kann. Und ich surfe nur noch selten Onlineshops ab, um nach neuem Zeug zu schauen.

Aber jetzt kommt der Frühling.

Ich weiß schon jetzt, der Frühling wird eine Herausforderung. Nach monatelanger Existenz im dunkelblauen Winterjacken-Kokon mit vor allem funktionalen Schichten darunter dürste ich nach leichten Stoffen, leuchtenden Farben und gewagteren Schnitten. Mein Auge ist so depriviert wie meine Seele, und ich merke, wie ich immer mal wieder in Schaufenster lunse. Wenn ich schon nichts kaufe, will ich doch wenigstens wissen, was so angezogen wird im Frühling, von anderen Menschen. Von modebewussten Menschen. Um mich irgendwie daran zu orientieren.

Ist das nicht merkwürdig? Einerseits: Ich habe schon immer besonders viel Spaß am Verkleiden gehabt, wenn auch nicht an dieser verknöcherten Seltsamkeit, die sich „deutscher Karneval“ nennt. Andererseits: Was ist denn „modebewusst“ bitte für eine Eigenschaft, und wieso ist mir das eigentlich wichtig? Laut Wiktionary heißt „modebewusst“ „sehr auf die Mode achtend“. Laut Duden online heißt es „sich bewusst nach der Mode richtend“.

Was ist eigentlich Mode, und warum ist sie mir (bisher) wichtig?

Jetzt komme ich wohl nicht darum herum, aufzubohren, was Mode eigentlich ist. Ich fange mal mit der Definition der Wikipedia an:

Mode (aus dem Französischenmode; lat.modus ‚Maß‘ bzw. ‚Art‘, eigentlich ‚Gemessenes‘ bzw. ‚Erfasstes‘) bezeichnet die in einem bestimmten Zeitraum geltende Regel, Dinge zu tun, zu tragen oder zu konsumieren, die sich mit den Ansprüchen der Menschen im Laufe der Zeit geändert haben. Moden sind Momentaufnahmen eines Prozesses kontinuierlichen Wandels.

Wikipedia

Und weiter unten zum soziologischen Aspekt:

Elemente neuer Moden werden schneller übernommen von Gruppen, die offen sind für Neues, die gerne experimentieren, die mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden sind, die etwas verändern wollen, […] und die sich als eigenständige Persönlichkeiten darstellen wollen, die sich also von ihrem Selbstverständnis gern von der Masse der Bevölkerung oder vom Establishment abgrenzen.

(Der deutsche Wikipedia-Artikel zum Thema Mode ist leider etwas krude geschrieben und enthält leicht abfällige Töne, die ich so auf der englischen Seite nicht gefunden habe. Ich vermute die übliche Verzerrung, die speziell in der deutschsprachigen Wikipedia-Community herrscht.)

Diese soziologisch-politische Bedeutung von Mode spielt bei mir durchaus eine wichtige Rolle. Nonkonformität nicht nur zu leben, sondern auch nach außen hin zu zeigen, ist mir wichtig. Interessant finde ich gerade die Beobachtung, dass ich das in der Vergangenheit oft dadurch gemacht habe, möglichst modische Stücke zu kaufen und mit als eine der Ersten zu tragen. Vermutlich sollte das ein Ausdruck verschiedener Facetten meiner Persönlichkeit und Einstellungen sein, im Verdacht stehen meine Offenheit für Erfahrung und meine gesellschaftliche Orientierung in Richtung Progressivität und Veränderung.

Alles neu macht der … März

Mindestens in diesem Jahr werde ich aber neue Ausdrucksformen dafür finden müssen. Dank Marie Kondo ist mein Kleiderschrank immerhin sehr aufgeräumt, so dass ich mich schnell orientieren kann und schnell die Klamotten finden kann, die ich gerade gerne anziehen will. Und ich freue mich schon sehr auf all die schönen Sachen, die ich schon habe und die den ganzen langen Winter im Kleiderschrank geschlafen haben. Endlich wieder leichtere Hosen! Endlich wieder Hemden statt Pullover, oder – ich wage kaum, daran zu denken – leichte Tops!

Und das alles wird mir nur etwas verdorben von der Tatsache, dass es im März eigentlich nicht so warm sein sollte. Dass der Februar viel zu warm war. Durchschnittlich 3,9 °C zu warm in Deutschland, das ist ehrlich gesagt beängstigend.

Mein einziger Trost ist, dass ich durch weniger undurchdachten Konsum auch weniger Müll mache: Für mich muss dieses Jahr kaum etwas produziert werden, was nicht Nahrung ist. Immerhin ein winziger Schritt in die richtige Richtung.

Belohne dich doch mal!

Letzte Woche ist nach langer Zeit ein wichtiges Projekt fertig geworden. Und nach einer anstrengenden, aber guten Woche ist auch heute ein guter Tag. Ich arbeite konzentriert und kann fast unmittelbar Erfolge sehen. Das ist toll!

Wäre da nicht plötzlich dieser aufkeimende Wunsch nach einer Belohnung. Etwas kaufen. Was schönes! Etwas, was ein gutes Gefühl macht. Was meine Augen satt macht und mir einen kleinen Kick gibt, wenn ich es in den Händen halte. Ein Halstuch, ein Lidschatten, Schuhe, Tasche, irgendwas, nur schnell her damit!

Es irritiert mich, dass mir der Kick offenbar nicht ausreicht, wenn ich etwas gut gemacht habe und das sogar ganz unmittelbar zu sehen ist. Dass ich trotzdem das Gefühl habe, eine Belohnung „verdient zu haben“.

Ich gieße mir erst Mal eine Tasse Tee ein, lehne mich zurück und höre Musik, die ein bisschen klingt wie in den 80ern, nur besser. Das ist meine Belohnung.

Die radikale Freiheit des Konsumverzichts

Ist Kapitalismuskritik wieder schick? Nein? Gut, dann können wir ja loslegen. Ich mache ja 2019 dieses No-Buy-Jahr. Ein Jahr lang nichts kaufen außer Essen, außer Dingen, die ich wirklich leer mache. Ein Jahr lang Verzicht.

Eine Werbeanzeige für tolle Klamotten.
„Verpass es nicht, unser Sale läuft nicht ewig! Bis zu 70% Rabatt auf ALLES!“
Auf alles, was ich nicht brauche. Das sind immer noch 30%, die ich bezahle. Und Verschwendung.

Aber ist es das wirklich, Verzicht? Es stimmt, ich kaufe nichts, wenn ein Impuls daherkommt. Nicht, wenn ich auf dem Handy scrolle, und auch nicht, wenn ich durch die Straßen gehe. Aber ist das denn zwangsläufig eine Einschränkung? Ist das ein Einschnitt in mein Leben, hindert mich das, am gesellschaftlichen Miteinander teilzunehmen?

Eine Werbeanzeige für schicke Brillen.
„Neu eingetroffen! Klassische Brillen sind immer stylish! Kauf 1, zahl nur 50% für den Rest!“
Neu, neu, neu. Und mehr.

Du willst es doch auch.

Vorweg: Ja, klar ist mein No-Buy ein Verzicht! Duh. Aber ich lerne gerade, dass das nichts Schlimmes ist, ganz im Gegenteil. Ich lerne mich selbst kennen. Lerne, wann ich schwach bin, empfänglich für Verführungen und Versprechungen. Wenn ich müde bin. Wenn ich gestresst bin, meine Laune im Keller ist. Wenn ich denke: „Und wann komme ich?“ Wenn ich enttäuscht bin. Dann will mein Hirn sich seine Belohnung holen. Ohne Aufschub, schnellschnell, Knopf gedrückt, Dopamin da.

Und ich lerne Werbung besser kennen, die mein müdes Hirn genau kennt und mit seinen Ängsten und seinem Begehren spielt: Kauf jetzt, kauf schnell, kauf viel! Denk nicht nach, klick einfach! Einfach. Hier, kauf dir Schönheit, kauf dir Stil, kauf dir, kauf! Reduziert, reduziert, aber nur für kurze Zeit! Bald nicht mehr, und dann ärgerst du dich. Rabattcode, exklusiv! Nur jetzt. Jetzt.

Eine Werbung, auf der fett "Sale bis zu 50% Rabatt!" steht.
„Sale. Bis zu 50% Rabatt! Es ist Zeit!
Zeit für wen oder was

Nein sagen heißt mehr Freiheit.

Mein bewusstes Neinsagen zu den diversen bunten Auswüchsen des Kapitalismus nimmt mir nur auf einer Seite Möglichkeiten. Es ist jetzt viel schwerer, einen „quick fix“ zu kriegen, ich kann nicht mehr das Knöpfchen drücken und mich selbst ein bisschen mehr happy machen. Auf der anderen Seite gewinne ich neue Möglichkeiten hinzu. Ich gebe Geld nicht aus, das ich hinterher für andere Sachen einsetzen kann – oder auch nicht.

Ich sehe das gerade lebhaft an mir und an den Berichten der anderen Menschen, die mit mir dieses No-Buy-Jahr begonnen haben. Für manche ermöglicht ein No-Buy erst die ganz grundlegende Versorgung. Manche geben das Geld an anderen Stellen wieder aus, um an etwas Besonderem lange Freude zu haben, zum Beispiel an einzigartigen Erlebnissen, oder an einem Tattoo. Manche Menschen lernen, zum ersten Mal in ihrem Leben, wirklich Geld auf dem Konto zu lassen, auch, wenn es da vor einem Monat schon war. Und für einige Menschen bedeutet dieses Mehr an Geld ein Mehr an Sicherheit in der Zukunft.

Auf mich treffen gleich mehrere dieser Aussagen zu. Nie war ich mir meines Konsumverhaltens im Kapitalismus so bewusst, wie im Moment. Nie habe ich mich den grundlegenden Ideen des Kapitalismus‘ ferner gefühlt als im Moment. Wohin ich schaue, sehe ich Überfluss, Verschwendung. Unnützes Zeug, gerade gut genug für den Kick für den Augenblick. Befriedigung niedrigster Triebe.

Ja, mein No-Buy ist ein Verzicht. Aber mein No-Buy ist keine Einschränkung.